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Das HASAG-Lager in Colditz |
Das HASAG-Lager in Colditz
Die Gründung des Werkes
Das Südwerk der Steingutfabrik AG Colditz ("Aktie" genannt)war in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden und hatte schon mehrfach stillgestanden, als es 1944 ins Blickfeld der Rüstungsproduktion rückte. bereits im Sommer 1944 wurde vorgesehen, hier mehrere "kriegswichtige Firmen" Ersatzstandorte errichten zu lassen. Im Herbst 1944 wurde dies dahingehend geändert, dass zwischen der Aktie und der HASAG ein Nutzungsvertrag abgeschlossen wurde, der die Verwendung des gesamten Südwerks durch die HASAG zur Errichtung einer Rüstungsproduktion vorsah. Dazu gehörte auch der Einsatz von KZ-Häftlingen. In dem im November 1944 abgeschlossenen Pachtvertrag heißt es: "Nur soweit die sofortige Räumung des südlichen Hochbauflügels zur Aufnahme des Häftlingslagers das Demontieren der Druckbehälter und der Trommelmühlen, das Abbrechen dieser Fundamente und der Schwämmrinnenanlagen notwendig macht, übernimmt die Pächterin diese Arbeiten."
Darüber enthielt der Pachtvertrag genaue Angaben über die Pacht, die Zahlweise und die Nutzungsdauer der Anlage. Außerdem sicherte die Aktie der HASAG Unterstützung bei der Errichtung eines "erforderlichen Barackenlagers" zu.
"Die im Sinne und Geist eines besten kameradschaftlichen Verstehens geführten Vertragsver-handlungen sollen gleichzeitig auch die Grundlage für eine künftige verständnisvolle Zusammenarbeit sein." heißt es am Ende des Vertrages. Von irgendwelchen Protesten seitens der Aktie, wie sie nach dem Krieg behauptet wurden, also keine Spur.
Häftlingsgesellschaft
Der erste Häftlingstransport von Buchenwald datiert auf den 29. November 1944. An diesem Tag wurden 100 Häftlinge nach Colditz überstellt. Ein zweiter Transport mit 50 Häftlingen traf wurde auf den 2. Dezember 1944 datiert. Am 5. Dezember 1944 traf schließlich noch ein Transport mit 150 Häftlingen in Colditz ein, der Buchenwald schon am 24. November 1944 verlassen hatte. Diese Häftlinge hatten einen Umweg über das Hauptwerk der HASAG in Leipzig-Schönefeld genommen.
Damit betrug die Häftlingsstärke in Colditz 300 Personen. Diese veränderte sich nicht wesentlich bis zum 21. Februar 1945. Die Häftlinge waren überwiegend ungarische Juden. Daneben gab es eine Führungsschicht aus überwiegend deutschen "grünen", also kriminellen Häftlingen. Lediglich der Friseur war ein Franzose und der Häftlingsarzt ein ungarischer Jude.
In dieser Zeit waren die Verhältnisse im Lager und damit auch im Werk klar. Ganz oben standen die deutsche Werkleitung und die SS. Es folgten die - kriminellen - Funktionshäftlinge und ganz unten die einfachen Arbeiter.
In der Zeit bis Febraur 1945 erfolgte auch mehrfach der Austausch arbeitsunfähiger bzw. kranker Häftlinge. Insgesamt wurden zwischen dem 4. Dezember 1944 und dem 19. Januar 1945 63 nach Buchenwald zurückgeschickt und durch 68 neue Häftlinge (ebenfalls meistens ungarische Juden) ersetzt.
Der Häftlingstransport vom 21. Februar 1945
Am 21. Februar 1945 veränderte sich die Situation im HASAG-Lager in Colditz schlagartig. Ein Transport mit 350 polnischen Juden traf in ein. Es waren Häftlinge, die zuvor aus dem Ghetto Tschenstochau nach Buchenwald evakuiert worden waren. Zumindest ein Teil von ihnen war schon früher bei der HASAG beschäftigt gewesen. Damit deutet der Transport darauf hin, dass man nun daran ging, die Produktion unmittelbar einzurichten, denn es kamen nicht nur die Häftlinge, sondern auch ziviles Werkpersonal der HASAG aus dem Tschenstochauer Werk.
Doch auch unter den Häftlingen war nicht nur die Verdoppelung der Zahl spürbar. Es kamen zusätzlich nationale Spannungen hinzu und auch das Verhältnis zwischen SS und Häftlingen verschärfte sich zusehends. So wurde offensichtlich ein 17jähriger ungarischer Jude "öffentlich" hingerichtet. Einer der SS-Lagerführer erschoss den Jungen, entweder wegen eines geringfügigen Diebstahl (von Kartoffeln) oder weil er "zu faul" war. Auch werden von polnischen Häftlingen, die überlebten, die SS-Leute wesentlich brutaler geschildert, als vergleichsweise von den ungarischen Häftlingen.
Todesfälle
Die Zahl der namentlich bekannten Todesfälle für Colditz beträgt 38 Personen, die überwiegend an Erschöpfung und Hunger starben. Wie schon beschrieben, gab es auch mindestens eine Hinrichtung. Wahrscheinlich wurden auch einige Häftlinge Opfer von Misshandlungen durch die SS.
Den ersten Toten im Lager gab es am 19. Dezember 1944, die letzten bekannten Fälle am 13. April 1945. Das prominenteste Opfer in Colditz war der ungarische Kunstmaler Lajos Gimes, der am 28. Januar 1945 an den Folgen eines Unfalls starb, bei dem er durch einen herabstürzenden Balken verletzt wurde. Das Opfer der Hinrichtung war offensichtlich Tibor Makk, Todesursache: .
Die ersten sieben Toten aus Colditz wurden auf den Südfriedhof nach Leipzig zur Verbrennung gebracht. Ihre Urnen wurden der HASAG zugestellt und wurden auf dem Ostfriedhof Leipzig beigesetzt.
Ab Ende Januar 1945 wurden die Häftlinge - damals außerhalb - an der Mauer des Colditzer Friedhofes beigesetzt. Dort begrub nach auch 36 unbekannten Häftlinge, die aus dem KZ-Außenlager "Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Jena" stammten und auf dem Weg nach Colditz an einer Vergiftung starben.
Offen ist noch die Frage, was mit den Leichen der Häftlingen geschah, die sich vor der Evakuierung versteckten und noch vor dem Abmarsch erschossen wurden. Es ist von acht bis 15 Opfern die Rede. Bisher wurden noch keine Hinweise gefunden, dass diese ebenfalls an der Friedhofsmauer beigesetzt wurden.
Die Evakuierung des Lagers
Bevor das "Judenkommando" HASAG Colditz geräumt wurde, war das LAger für eine kurze Zeit völlig überbelegt. Spätestens am 6. April 1945 traf der genannte Evakuierungstransport aus dem RAW Jena mit einer Stärke von etwa 800 Häftlingen in Colditz ein. Diese 800 nichtjüdischen und die etwa 600 jüdischen Häftlinge aus Colditz verließen am 14. April 1945, als die Amerikaner schon ganz in der Nähe waren, das Colditzer Werk am Westufer. Über den Muldensteg durch die Stadt führte der Weg in Richtung Südosten. Während schon die ersten Häftlinge dieses Marsches in Hartha gesehen wurden, müssen die letzten gerade erst das Lager verlassen haben. Wahrscheinlich blieb ein kleines Häftlingskommando im Lager zurücck. Das waren allerdings jene Funktionshäftlinge, die ihrerseits kein Interesse daran haben konnten, dass allzu viel über das Lager bekannt wurde.
Bisher gesichert ist, dass die Häftlingskolonne am ersten Tag bis zwischen Waldheim und Massanei zog und dort auf einer Wiese übernachtete. Am zweiten Tag gelanget die Kolonne bis Nossen, wo sie in einem geräumten Außenlager des KZ Flossenbürg unterkam. Am dritten Tag wurde Conradsdorf bei Freiberg erreicht.
Der Hauptteil der Kolonne traf schließlich am 27. April 1945 in Theresienstadt ein. 377 Häftlinge gaben nach der Befreiung an, aus Colditz evakuiert worden zu sein. Das bedeutet, dass von den etwa 1400 in Colditz abmarschierten Häftlingen nur ein kleiner Teil des Ziel erreichte.
Die gegenwärtigen Arbeiten konzentrieren sich auf diesen Marsch. Dabei gibt es, wie auch in den vorher gegangenen Etappen eine Zusammenarbeit mit anderen Kräften, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Im Alleingang wäre es wohl unmöglich, alle Daten, alle Fakten zusammenzutragen, die ein realistisches Bild von jener Zeit und der Tragödie zeigen, die sich damals abgespielt hat.
www.juden-in-mittelsachsen.de |
| letzte Aktualisierung: 21.04.2007 11:10 Uhr |
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